ln Kontakt kommen - Menschen erreichen
Zusammenfassung der Rede von Prof. Dr. Hilarion Petzold, gehalten im Dezember 2004
im Eurogress, Aachen
Prof. Dr. Petzold hielt auf dem Euregio Tag einen längeren Vortrag zum oben genannten Thema. Die nachfolgende Zusammenfassung, bzw. Einführung gibt einen Einblick in den Vortrag.
„Reaching people" ist ein sehr zentrales Thema, für die Telefonseelsorge, aber nicht nur hier. Wie können Menschen einander erreichen? Das Konzept, dass Menschen einander erreichen, darf nicht als Einbahnstrasse verstanden werden. Menschen erreichen einander nur in einem wechselseitigen Prozess. Ein wesentliches Element für diesen Prozess ist es, dass wir feinhörig werden für die Menschen, aber auch für die Menschenbilder, die unsere Sprache mittransportieren. Wenn wir diese Bilder näher betrachten, dann wird auch unsere Betrachtung von „Menschenarbeit" - und wir als Telefonseelsorgerinnen sind Menschenarbeiter, mit den Ärzten, den Psychologen und den Krankenschwestern usw. - tiefgehender und weiser werden. Kontakt, vom lat. kontingere beinhaltet das wechselseitige, feinspürige gegenseitige berühren. Die Frage ist, wie ist das in der spezifischen Situation der Telefonseelsorge möglich?
Die Kommunikation des Menschen ist immer auf vielfältige Ebenen ausgerichtet und angelegt. Wir hören, natürlich, aber wir riechen und sehen auch. Die Kommunikationssituation in der Telefonseelsorge ist auf der einen Seite eine reduzierte Kommunikation, in dem Sinneskanäle, die sonst für unsere Kommunikation wesentlich sind, nicht vorkommen. Eine optische oder olfaktorische Wahrnehmung ist nicht möglich. Wir können die Mimik, Gestik und Haltung des jeweils Anderen nicht sehen. Wir können nicht sehen, wie er sich uns zuwendet oder sich abwendet. Wir können den Anderen nicht riechen. Auch damit ist etwas ausgeschlossen. Andererseits machen wir uns mental Bilder von dem Anderen, haben eine Situation vor Augen, die sich dann mental wieder mit bestimmten Gerüchen verbinden können. Die wissenschaftlichen Ergebnisse zu Deffizienzen machen deutlich, dass der Verlust des Augenlichtes in der Regel weniger schwer wiegt als der Verlust des Gehörs. Man ist in einer ganz anderen Art und Weise vom Leben abgeschnitten, wenn man nicht mehr hört. Insofern haben wir mit dem Telefon , trotz seiner Einschränkungen, ein sehr starkes Medium. „In Kontakt kommen - Menschen erreichen" erfordert einen Blick auf das Setting, einen Blick auf die kommunikative Struktur und einen Blick auf die kommunikative Qualität der Telefonseelsorgesituation... Thesen (in Auswahl):
1. Telefonseelsorqe ist ein Ort und Freiraum der Hilfeleistung Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger vertreten gemeinsam den kollektiven Willen für andere da sein zu wollen. Dieser Wille ist bei den Telefonseelsorgerinnen und Seelsorgern mental repräsentiert. Die Frage ist, auch angesichts des Telefonmülls, ob die Anruferinnen und Anrufer diese mentale Repräsentanz teilen. Je mehr jemand weiss ueber die Möglichkeit, die Telefonseelsorge als Hilfeleistung bietet, umso besser wird er sie nutzen koennen.
2. Telefonseelsorge ist ein Ort und Freiraum des Lernens Den Partnerinnen und Partnern am Telefon kann vermittelt werden, dass Telefonseelsorge ein Ort des Lernens ist. Hier können sie etwas über sich lernen. Sie koennen z.B. etwas über ihr Problemlöseverhalten lernen. Sie können sie z.B. daran lernen, wie wir mit ihnen und ihren Problemen umgehen. Es ist wichtig, dass wir uns dieser Lernsituation auch bewusst werden. Telefonseelsorge kann so definiert werden, dass sie zwischenmenschliche Lernerfahrungen schafft. Das führt zu einer veränderten Sicht von Telefonseelsorge. Der andere ist dann erst einmal ein prinzipiell lernfähiger Mensch. Dieser Aspekt muss stärker vermittelt werden.
3. Telefonseelsorge als Ort und Freiraum des Problemdrucks Prinzipiell ist Telefonseelsorge ein Ort des Problemdrucks. Es rufen überwiegend Menschen an, die irgendeine Art von Problemdruck haben. Sie rufen in der Regel nicht aus Spass an, sondern weil sie Druck haben (Notlagen, Verzweifelung, Krankheit, Sucht, Ängste, Ehrverletzungen, Geldnöte). Es ist wichtig zu wissen, welche Art von Drücken denn nun da sind. Wo Druck ist, braucht man ein Ventil. Unter Druck kann man aber nicht gut arbeiten und wenn der Druck abgelassen ist, dann geht es erst richtig los. Denn unter einem hohen Druck kann man nicht so gut in Lernprozesse eintreten.
4. Telefonseelsorge und die Paradoxie des Anonym Identitätskonzeptes Die Anonymität ist vor allem für die Telefonseelsorge nur schwer zu gewährleisten. Notfalls ist rauszukriegen mit wem ich telefoniere, wenn ich bei der Telefonseelsorge anrufe. Insofern ist die Anonymität prekär. Ausserdem ist es eine paradoxe Anonymität, denn eigentlich heisst es doch: reaching people - Menschen erreichen. Anonymität wird immer als ein hoher Wert in der Telefonseelsorge angesehen. Das hat bisher verhindert, dass die Problematik näher angesehen wurde. Anonymität ist immer aus einer Not geboren. Die Not, dass Menschen Schutz brauchen, dass Menschen nicht genügend vertrauen haben. Anonymität muss eigentlich kompensiert werden. Es muss deutlich werden: Hier bin ich personal anwesend.
Biografie: Professor Dr. Petzold