Telefonhilfe

der Deutschsprachigen Gemeinschaft VoG

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Zusammenfassung der Rede von Lisette Schollaert, gehalten im Dezember 2004

 

im Eurogress, Aachen

 

 

 

Kleines Land mit drei Sprachen

 

Verantwortliche Leiterin der "Telefonhilfe - Anonyme Le­benshilfe in der deutschsprachi­gen Gemeinschaft, Vereinigung ohne Gewinnerzielungsabsicht" - das ist ein gewaltiger Titel. Ei­gentlich sind wir in Belgien besser als "Telefonhilfe" bekannt oder unter unserer nationalen, kosten­losen Nummer 108. Wir beste­hen seit März 1989 und sind mit unseren fuenfzehn Jahren sicher­lich die Juengsten hier.

 

In Belgien gibt es drei offizielle Sprachen und daher auch drei verschiedene Notrufdienste. In Flandern unter der Bezeichnung Tele-onthaal mit der Rufnummer 106, und in der Wallonie ist Télé-accueil unter der Rufnummer 107 zu erreichen.

 

Während in Flandern und in der Wallonie der kostenlose Zu­hördienst rund um die Uhr in ver­schiedenen Diensten und vor Ort in der TES-Stelle {Telephonic Emergency Service) wahrgenom­men wird, bilden wir in der Deutsch­sprachigen Gemeinschaft Belgi­ens eine Ausnahme. Die Ehren­amtlichen der Rufnummer 108 versehen den 24-Stunden-Dienst von zu Hause aus.

 

Die bei der 108 eingehenden Gespräche werden durch ein Um­schaltgerät zu den diensttuenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weitergeleitet. Diese Vorgehens­weise sichert, dass wir auf jeden Fall die Anonymität des Anrufers wie die des Zuhörers garantieren können. Der Diensttuende befin­det sich in einem während der Dienstzeit nur ihm zugänglichen Raum. Es wäre für uns wesentlich schwerer, die Anonymität der Mit­arbeiter und Mitarbeiterinnen zu garantieren, wenn sie tagtaäglich in einem bestimmten Ort an- und abfahren würden, da in der Deutschsprachigen Gemeinschaft mit ihren rund siebenundsechzigtausend Einwohnern wohl jeder jeden kennt.

 

Die flämischen und walloni­schen Kollegen bilden jeweils pro Sprache eine selbständige Föde­ration, und zusammen mit ihnen sind wir die "Belgische Konföde­ration". Jedoch ist und bleibt jede einzelne TES-Stelle eine eigen­säendige und für sich selbst sor­gende Institution. So werden Subsidien und Subventionen pro Sprachgebiet bei den jeweiligen Regierungen und Provinzen bean­tragt. Für die restlichen notwendi­gen Finanzen ist jeder auf sich und darauf angewiesen, Spenden und Sponsorengelder aufzutreiben.

 

Unsere Dienste sind weder politisch noch konfessionell ge­bunden. Unsere Zuhörarbeit ist be­stimmt euch allen bekannt und wird sich nicht wesentlich von eu­rer unterscheiden.

 

Leider gab es auch in Belgien eine Welle der Störanrufen. Auch bei uns haben alle Gratisnummern damit zu kämpfen! Die Deutsch­sprachige Gemeinschaft blieb län­ger als die anderen Regionen von dieser Störwelle verschont. Dank der Warnung unserer Kollegen von Télé-accueil und Tele-onthaal in den Konföderationssitzungen konnten wir schon vor drei Jahren, lange bevor wir mit dem Problem konfrontiert wurden, in eine spezi­fische Ausbildung in Kinder- und Jugendthemen investieren und so unsere Mitarbeiter intensiv vorbe­reiten. Es wurden Schulkalender mit einem entsprechenden Comic gedruckt, ich selbst habe prophy­laktisch sämtliche Schulen und Ju­gendgruppen besucht. Gewarnt und vorbereitet also, aber dem, was dann kam, nicht gewachsen! So fühlten wir uns jedenfalls im März, April und Mai dieses Jahres:

 

Mehr als die Hälfte unsere Anrufe waren Scherz- und Störanrufe!

 

Daraufhin beschloss unser Verwaltungsrat eine grosse Kam­pagne in Presse und Rundfunk, kombiniert mit einem Anrufbeant­worter, der nach Bedarf bei einer Welle von Scherz- oder Störan­rufen eingeschaltet werden kann und der auf das Problem hinweist.

 

Die Störanrufe nahmen drastisch ab: Gingen im Juni noch täglich etwa achtzig Anrufe ein, wovon mehr als die Hälfte Störanrufe waren, sind wir jetzt, nach unserer Kam­pagne, wieder bei circa zweiundvierzig Anrufen täglich angekommen und dabei sind kaum Störanrufe.

 

Dank der grossen Information in den Medien haben in vielen Fa­milien anstelle von Gesprächen mit der Telefonhilfe Gespräche über die Telefonhilfe stattgefunden. Auch die Radiospots im Belgischen Rundfunk haben vielen Jugendli­chen einen Spiegel vorgehalten und ihnen bewusst gemacht, dass sie eine Notrufnummer blockier­ten. Übrigens schien vielen Leuten nicht klar zu sein, dass der Miss­brauch einer Notrufnummer in Belgien strafbar ist! Geradezu rüh­rend war es, dass nach der Informationskampagne manche Jugendliche anriefen, um sich zu entschuldigen oder sogar um Freunde zu "verpetzen".

 

Mit diesem kurzen Einblick in unsere Struktur und unsere Schwerpunkte der letzten Mona­ten hoffe ich, euch ein Stückchen begegnet zu sein. Für die Telefon­hilfe wünsche ich, dass es in Zu­kunft auf diesem positiven Weg weitergehen kann - und euch allen wünsche ich einen angenehmen, bereichernden Tag voller guter Begegnungen!